Gewaltfantasien in der Beratung und Therapie

Für viele Therapeuten und Berater ist die Arbeit mit Menschen, die Gewaltfantasien aufzeigen und thematisieren eine herausfordernde Situation. 

Meine Erfahrung ist, dass es wenige Fachpersonen gibt, die damit adäquat und souverän umgehen. Zumeist liegt es daran, dass diese Themen Angst und Unsicherheit auslösen. 

Ähnlich wie bei Suizidgedanken können wenige Therapeuten und Berater ruhig damit umgehen und brauchen eine Struktur oder Sicherheit, weil sie sich zum Beispiel nicht strafbar machen wollen oder sich gar verantwortlich fühlen wollen, wenn dem Klienten etwas "passiert". 

 

In den meisten Fällen ist das Kommunizieren von Suizidgedanken der Beweis von Vertrauen bzw. der Wunsch, ernstgenommen zu werden. 

Und das muss aus meiner Sicht Platz in der Therapie haben! 

 

Ähnlich verhält es sich mit Gewaltfantasien, die nicht gegen sich selbst, sondern gegen andere gerichtet sind. Diese Fantasien müssen einen Platz haben dürfen, müssen ausgesprochen werden dürfen. 

Wenn Du Dich als Therapeut/ Berater nicht kompetent dafür fühlst, dann äußere dies, lass aber Deinen Klienten nicht im Regen stehen und meide das Thema: Verweise ihn lieber an Kollegen, die damit umgehen können. 

 

Gewaltfantasien können unterschiedliche Schweregrade haben und unterschiedlich ausgeprägt sein. Ich halte das Reden und das Beleuchten von Gewaltfantasien im therapeutischen Kontext für Präventivarbeit. Viel schlimmer ist es, wenn ein Klient den Eindruck hat, er müsse mit diesen Gedanken und Drücken alleine sein, dies unterdrücken und verschweigen. 

Dies führt zu: 

  • Einsamkeit
  • Leugnung
  • Selbstabwertung
  • Hoffnungslosigkeit 
  • und letztendlich kann es die Gewaltfantasien auch verstärken

Nicht selten nutzen Klienten bereits Kompensationsstrategien, um diese Gewaltfantasien irgendwie auszuhalten. Psychodynamisch kann es auch sein, dass sie einem nicht aufgedeckten "Skript" und "Muster" folgen, um zuletzt genau das umzusetzen, was sie sich fantasiert haben und was sich im Dunkeln immer weiter ausbreitete. Hier gibt es viele Möglichkeiten, um mit dem Klienten zu arbeiten: 

Angefangen mit den Konsequenzen der Umsetzung: Freiheitsverlust, Ächtung durch die Gesellschaft, Jobverlust, Verlust des sozialen Gefüges, Schulden, Stagnation, Schuldgefühle, Gerichtsverfahren, Verlust des Partners und der Kinder etc. etc. 

Dies ist die rationale Ebene der Betrachtung und auch eine wichtige, um die Realität aufzuzeigen. 

 

Dann geht es darum, den Klienten anzunehmen und ihm die Möglichkeit zu geben, herauszufinden, was darunter liegt: 

Wie fühlt sich dieser Hass an?

Seit wann gibt es ihn?

Ist es überhaupt Hass?

Ist es Gefühllosigkeit?

Wie ist es mit sadistischen Tendenzen?

Wie häufig sind die Gedanken da?

Sind diese Gedanken nur auf spezielle Situationen oder Menschen fokussiert? 

etc. 

 

Therapeuten, die Angst haben und mit dieser nicht umgehen können, gehen aus dem Kontakt. 

Das Thema wird umgangen, geleugnet, gar abgewertet. 

 

Und da kommen wir an den Punkt, der die Therapeuten und Berater betrifft: 

Es ist völlig okay, damit nicht umgehen zu können. Es ist auch okay, nicht mit diesem Klientel arbeiten zu können. Aber sei Dir bewusst, dass es dann Dein Thema ist und nicht das des Klienten. Sage ihm, dass Du dahingehend nicht kompetent bist aber ihm xyz anbieten kannst und parallel schaust, ob es einen Therapeuten gibt, der sich mit Gewalt auskennt. 

 

Es gibt zuletzt dann auch noch die körperliche Ebene, die wenige Therapeuten anbieten: 

Die Wut/ den Hass rauslassen können: Boxen, schreien, schlagen. Alles im Rahmen der Sicherheit für den Klienten. 

Gewalt zeigt sich im Körper, ist dort spürbar. 

 

Und als letzten Hinweis: 

Häufig sind Klienten mit Gewaltfantasien schwer traumatisiert und haben lange Zeit und eindrücklich Kontrollverlust, Opferdasein, Hilflosigkeit und Angst erlebt. Nie wieder wollen sie Opfer sein. Lieber der schlimmste Täter als das Opfer. Das wichtigste ist hier, dass auch das sein darf und dass der Klient sich nicht abgewertet oder nicht ernstgenommen fühlt.