Vulnerabler Narzissmus im Vergleich zum grandiosen Narzissmus

Vulnerabler Narzissmus wird häufig auch als "verdeckter Narzissmus" bezeichnet und erst einmal möchte ich mich den Vorurteilen aufräumen: 

  • Vulnerabler Narzissmus ist sowohl bei Frauen als auch bei Männern möglich. 
  • Narzissmus generell wird mitunter übersetzt als übermäßiger Selbstwert - dies ist nicht richtig. Insbesondere Narzissten mit dem Schwerpunkt der Vulnerabilität haben einen fragilen, schwankenden Selbstwert. 
  • Grundsätzlich gibt es nicht nur "vulnerabler und grandioser Narzissmus" (den malignen Narzissten lassen wir hier erst einmal außen vor), sondern beides ist in jedem Narzissten präsent, nur ist die eine Ausprägung deutlich grandioser und die andere deutlich vulnerabler. 
  • Narzissten sind weder Monster, noch ist ihnen alles egal. Sie leiden - auf ihre Weise und sind häufig Meister im Kompensieren.  
  • Narzissmus an sich ist nicht pathologisch (krankhaft): Es gibt auch gesunden Narzissmus. Hier sprechen wir vom pathologischen Narzissmus.
  • Narzissmus lässt sich nicht einfach so von Angehörigen diagnostizieren, da es sehr viele Differentialdiagnosen gibt. Nur, weil all das bei Dir oder einem anderen zutrifft, heißt dies noch lange nicht, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt!

 

Vulnerabler Narzissmus


  • Anspruchshaltung: Anders als beim grandiosen Narzissten, ist die Anspruchshaltung des vulnerablen Narzissten verdeckt und nicht so schnell erkennbar. Häufig werden hier auch ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle genutzt. Subtile passive Aggression kann ebenfalls eine verdeckte Anspruchshaltung zeigen. Offene Mitteilung von Bedürfnissen und Wünschen wird beinahe gar nicht getätigt, weil dies häufig als Schwäche bewertet wird. 
  • Scham und Schuld: Vulnerable Narzissten haben eine starke und einschränkenden Sorge, wie sie von anderen bewertet und gesehen werden. Dies kann bis zu starkem Perfektionismus führen, um nicht angreifbar zu sein. Wird etwas falsch gemacht, empfinden Narzissten starke Scham und/ oder Schuld. Es kann so schlimm sein, dass sie nicht mehr ungeschminkt vor die Tür gehen, sich einkapseln und eine Depression entwickeln können. Prof. Dr. Lammers stellt klar, dass es im diagnostischen Prozess wichtig sei, Klient*innen mit langjährigen Depressionen auf vulnerablen Narzissmus zu testen, da die Persönlichkeitsstörung dahinter stehen könnte. 
    Es kann auch, wie beim grandiosen Narzissmus, zu Wut, Bloßstellung des anderen, Rache etc. kommen. 
  • Neid: Anders als beim grandiosen Narzissten, empfinden vulnerable Narzissten mehr Neid. Um das schwankende Selbstwertgefühl zu regulieren, werden andere häufig abgewertet in ihrem Aussehen, ihrer Leistung, ihren Finanzen oder ihrem Denken. Vulnerable Narzissten sind auch deutlich empfänglicher dafür, anderen nachzueifern oder auf Autoritätspersonen zu hören, weil sie selbst sehr viel Wert auf das "Glänzen nach außen" legen. 



Grandioser Narzissmus


  • Anspruchshaltung: Eine offene Anspruchshaltung, die auch verbalisiert wird. Eine starke nach außen gerichtete Ansprüchlichkeit, die übersetzt lauten kann: "Sei stark", "sei perfekt", "entsprich meinen Vorstellungen". Problematisch ist, dass diese Ansprüche derart überbordend sind, dass sie niemals vollständig erfüllt werden können. Werden sie nicht erfüllt, wird der andere abgewertet, verstoßen, ausgetauscht. 
  • Scham und Schuld: Genauso wie beim Selbstwertgefühl, können grandiose Narzissten auch die Gefühle von Scham und Schuld deutlich besser kompensieren. Zum Beispiel wird dafür vor allem Wut, Schuldumkehr oder Wahrnehmungsverzerrung genutzt - mitunter auch Rachegedanken, Rachefantasien oder das Bloßstellen des anderen. 

 

 

 

 

 

 

 

  • Neid: Empfundener Neid wird häufig so kompensiert, dass der grandiose Narzisst (wenn er erfolgreich ist) mehr arbeitet, sich mehr bemüht, um Ziele und Statussymbole zu erreichen. Es gibt auch die Möglichkeit, andere als neidisch zu bezeichnen, was aber vor allem das Abblocken von Kritik als Motiv beinhaltet, andererseits ist es auch so, dass grandiose Narzissten teilweise sehr erfolgreich sein können und somit der Neid anderer durchaus realistisch sein kann. Im therapeutischen Bereich wäre hier auch die Aufgabe möglich, beides zu differenzieren. 

  • Leid: Anders als gemeiniglich gedacht wird, empfinden sowohl vulnerable als auch grandiose Narzissten Leid. Der Leidensdruck macht sich häufig bemerkbar über komorbide Problemstellungen wie Perfektionismus, Substanzmittelmissbrauch, Bindungsschwierigkeiten, Depressionen, Angststörungen etc.
    Solange der pathologische Narzissmus kompensiert werden kann, kann das Leid - wie bei allen anderen Menschen - "in Schach gehalten" werden. Gelingt dies nicht mehr, kann es zu einer so genannten "narzisstischen Krise" kommen, die bis hin zur Suizidalität gehen kann. Beim vulnerablen Narzissten ist es häufig auch die Isolation, der Rückzug, das sichtbare Elend - es ist nicht ungewöhnlich, dass sich vulnerable Narzissten als Opfer der Gesellschaft, der Beziehung, des Universums oder sonstiges sehen. Es kann auch sein, dass der vor allem vulnerable pathologische Narzisst über das übermäßige Leid Zufuhr von außen erhält. 
    Hier kann es zu starken Selbstabwertungen kommen.

 

  • Leid: Bei pathologisch grandiosen Narzissten geht das Leid oft einher mit einer starken Abwertung nach außen. "Andere haben mich betrogen und verraten"; Rachegedanken: "Die werden schon noch sehen, wozu ich fähig bin" bishin zu starker Wut: "Ich bin besser als andere und ihr müsst bestraft werden". Es kann aich hier zu einer "Umkehr" kommen, hin zur Vulnerabilität. Das Selbst muss geschützt werden und dies erfolgt häufig durch Angriff, Aggressionen, Wut etc. 
    Auch der grandiose Narzisst hat zahlreiche komorbide Auffälligkeiten. Häufig pusht er seinen Selbstwert auch selbst, indem er nach Erfolg, Macht und Ruhm strebt. Dies zeigt er auch offen. 

  • Therapie: Ebenso hier besteht ein starkes, abwertendes gesellschaftliches Bild: Narzissten gehen nicht in Therapie; Narzissten verändern sich nicht; Narzissten nutzen das, was sie in der Therapie erfahren, um andere zu manipulieren.
    Ja, das kann alles so verlaufen, muss es aber nicht. Bei vulnerablen Narzissten muss geschaut werden, ob die Depression, mit denen sie häufig in Therapie kommen, diese narzisstische Struktur überdeckt/ verdeckt. Narzissten können Therapieformen, Formulierungen etc. durchaus nutzen, um andere zu manipulieren, sich über sie zu stellen oder sie auch zu gaslighten (Verwirrung und Absprechen der realen Wahrnehmung). 
    Auffällig kann dies für den Therapeuten werden, wenn der Klient nicht erkennt, dass er selbst Anteile an Konflikten hat und dass er nicht die große Ausnahme ist, wenn es um Modelle und Persönlichkeitsstrukturen geht. Oft wird die Therapie auf Dauer auch abgebrochen. 
    Mit dem Therapeuten Streit zu beginnen, ihn abzuwerten (nachdem eine anfängliche Idealisierung stattfand), ihn als inkompetent zu bezeichnen, wenn er nicht perfekt oder stark ist - all das kann auf den Therapeuten zukommen. Sobald es mehr darum geht, wer jetzt recht hat und wer nicht, weniger um therapeutische Prozesse, sollte vonseiten des Therapeuten auf die Motivation des Klienten geschaut werden; es kann sein, dass hier eine narzisstische Verhaltensweise greift, die nicht ungewöhnlich ist: Der Klient will keine weitere Entwicklung, ist vielleicht sogar wütend auf den Therapeuten, dass er es geschafft hat, dass der Klient sich öffnete, muss den Therapeuten nun abwerten, um aus dieser Struktur herauszukommen und sein Selbstbild zu schützen. Der Klient geht nun nur noch nach außen, beschäftigt sich nicht mehr mit seinen inneren Prozessen. 
    Bei mir gilt dann folgendes: Letztendlich ist es bei pathologisch narzisstischen Menschen genauso wie bei allen anderen Klient*innen: Jeder darf so weit gehen, wie er mag und kann jederzeit die Therapie abbrechen. 
  • Es ist eine große Aufgabe für den narzisstischen Menschen, dass er auch im Bereich des Mittelmaßes wertvoll ist. Das schwankende Selbstbild und Selbstwertgefühl kann dies erst einmal nicht verstehen, da narzisstische Menschen häufig im Elternhaus gelernt haben, dass sie nur etwas wert sind, wenn sie x oder y tun (Leistung etc.). Das betrifft viele Menschen, das ist kein besonders narzisstisches Phänomen, kommt aber nun einmal häufig im pathologischen Narzissmus vor. 
  • Es kann ebenso sein, dass der pathologisch narzisstische Mensch eine Sonderstellung beim Therapeuten haben möchte und äußerst gekränkt darauf reagiert, wenn Termine verlegt, abgesagt oder auf Kontaktaufnahme nicht schnell genug reagiert wird. Dies kommt auch sehr häufig bei einer Borderline-Struktur vor. Bei beiden gilt häufig, dass sie davon überzeugt sind, anderen nicht vertrauen zu können, sowieso verlassen zu werden - hier bedarf es ebenfalls der Differenzierung, was davon der jetzigen Realität entspricht oder eine vergangene Realität abbildet, was bei Nicht-Differenzierung nicht auseinander gehalten werden kann, sodass letztendlich der Therapeut als Täter angesehen wird, der aus der Vergangenheit bekannt ist. 
  • Summa summarum: Therapie ist möglich und bedarf der konkreten und kontinuierlichen Reflexion des narzisstischen Menschen. Da dahinter meistens Traumata stehen, ist eine Langzeittherapie angemessen.