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Asperger-Autismus: Eine Störung?

(Anmerkung: Auch wenn ich im Text von „Autisten“ schreibe, meine ich Aspeger-Autisten und nicht Kanner-Autisten)

 

Ich halte Asperger-Autismus nicht für eine Störung. Der Begriff „Störung“ beinhaltet etwas Abwertendes; etwas, was geändert werden muss, was nicht richtig ist und daher behandelt oder zumindest irgendwie kompensiert werden muss.

 

Ich halte Asperger-Autismus für eine andere Art, zu leben, zu denken, zu fühlen und wahrzunehmen. Es gibt Asperger-Autisten, die erfolgreiche Physiker, Mathematiker, Psychologen/Psychotherapeuten etc. sind und waren. Einige, denen andere das nicht ansehen, die so gut darin sind, ihre Maskerade aufrechtzuerhalten, dass keiner von außen darauf kommt, dass sie anders sind.

 

Es gibt Asperger-Autisten, die sagen, dass sie darunter leiden, Autisten zu sein, und lieber keine Autisten wären; die beruflich und privat große Schwierigkeiten haben, sich einzufügen und die Anforderungen der nichtautistischen Welt zu erfüllen.

 

Ich will jenen keineswegs ihre Sicht absprechen aber ich werde ihnen mit einer Haltung entgegen treten, die sagt: Ich halte Dich/Sie für in Ordnung.

 

Ich werde auch keine Aufträge annehmen, die daraus bestehen, jemandem seinen Autismus auszutreiben oder ihn zu einem Nicht-Autisten zu machen. Ebenso lehne ich jegliche therapeutische Form ab, die wie ABA aufgebaut ist.

 

Wie sehe ich denn Asperger-Autisten?

 

Grundsätzlich stört es mich, die anscheinend politisch korrekte Form anzuwenden, die lauten würde: Menschen mit Asperger-Autismus. Das hört sich danach an, als habe man irgendeine Erkrankung, die irgendwann weggeht. Ich sage auch nicht: Menschen mit Nicht-Autismus, ich sage: Nicht-Autisten oder Neurotypische, wobei ich auch dahingehend vorsichtiger geworden bin, da es Nicht-Autisten gibt, die aus anderer Sicht anders sind und somit auch nicht mehr neurotypisch.

 

Asperger-Autisten müssen früh beginnen, sich in der nichtautistischen Welt zurechtzufinden und meiner Erfahrung nach schaffen das viele nicht und können sich z.B. nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt etablieren.

 

Ich habe die Vermutung, dass bei Autisten, die hochbegabt sind, eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit existiert, beruflich erfolgreich zu werden (und mitunter erfolgreicher als Nicht-Autisten); darüber hinaus kann auch das Spezialinteresse „Menschen“ dazu führen, dass Autisten sehr erfolgreich werden. Aber das sind nur Hypothesen und sie sind keinesfalls verifiziert.

 

Sobald Autisten mit anderen Menschen in Kontakt kommen, spüren sie den Unterschied zwischen sich und anderen. Nicht-Autisten sind vollkommen anders strukturiert. Hier ein paar Beispiele:

 

  • Autisten brauchen deutlich weniger soziale Kontakte als Nicht-Autisten. Das ist nichts Krankes oder etwas, was behoben werden muss – das Bedürfnis nach Alleinsein, Ruhe, Struktur ist intensiver ausgeprägt. Alles andere, was darauf abzielt, dem Autisten dieses Bedürfnis abzutrainieren und das soziale Bedürfnis anzutrainieren, ist Gewalt.
  • Oft geht es bei Nicht-Autisten nicht um Informationsaustausch, sondern um positive/negative Zuwendung und darum, soziale Kontakte zu knüpfen und zu festigen.
  • Insbesondere in der Corona-Zeit ist mir aufgefallen, dass viele Nicht-Autisten große Schwierigkeiten haben, andere Menschen einzuschätzen, wenn diese eine Maske tragen. Sie scheinen für sowas das ganze Gesicht zu brauchen – möglicherweise eine Erklärung, warum sie andere Menschen stets anschauen müssen. Augenkontakt ist Nicht-Autisten sehr wichtig. Autisten nicht.
  • Autisten wirken auf mich oft deutlich mehr intrinsisch (von innen) motiviert. Nicht-Autisten eher extrinsisch (von außen). Das mag mit dem sozialen Integrationsbedürfnis zutun haben.
  • Nicht-Autisten haben meistens große Schwierigkeiten damit, nicht zu reden. Wenn ein Mensch anwesend ist, muss Kontakt gemacht werden. Smalltalk, Problemschilderung etc. Für Autisten, die damit nichts anfangen können, ist das oft eine sehr große Belastung. Small-Talk muss erst bewusst gelernt werden.
  • Höflichkeitsfloskeln. Auch das ist etwas, was viele Autisten bewusst lernen. Da vieles, was gesellschaftlich als Höflichkeit gilt, keinen ersichtlichen Nutzen hat, müssen diese Verhaltensweisen gezielt geübt und einstudiert werden.
  • Immer wieder höre und lese ich auch, dass schlecht über Autisten geredet wird, weil sie sich angeblich nicht ändern können. Da geht dann ein ganzes Team gegen einen autistischen Mitarbeiter vor. Aber Fakt ist: Dieser Autist arbeitet in einem nichtautistischen Team, was eine derartige Anstrengung ist, dass Nicht-Autisten wahrscheinlich daran zerbrechen würden. Und: Nein, ein Autist wird nicht zum Nicht-Autisten, nur weil ein ganzes Team auf denjenigen rumhackt.
  • Bei Autisten ist Erholung meistens verknüpft mit Ruhe. Bei Nicht-Autisten ist Erholung meistens verknüpft mit sozialen Kontakten. Diese beiden Bedürfnisse kollidieren miteinander. In einer Beziehung ist es von Vorteil, dies herauszuarbeiten, denn es wäre schrecklich für den Nicht-Autisten, sich dahingehend zu ändern, und schrecklich für den Autisten, sich dahingehend zu ändern. Ihre Bedürfnisse können sie also nicht miteinander befriedigen.
  • Dazu kommt, dass die allermeisten Autisten Reize besser wahrnehmen können. Sie müssen somit lernen, mit der ständigen Lärmbelästigung von außen klarzukommen. Auch das haptische Bedürfnis von Nicht-Autisten ist eines, was die meisten Autisten nicht teilen. Eine kurze Berührung vermittelt unter Nicht-Autisten Zuwendung, Zugewandtheit oder auch Trost. Ein Autist empfindet das als sehr unangenehm bis schmerzhaft.
  • Diese Überladung (Overload) kann zu einem Meltdown und/oder Shutdown führen. Im Meltdown wird diese Spannung meistens nach außen getragen, was dann für Nicht-Autisten wie ein heftiger Wutanfall aussieht. Beim Shutdown geht der Autist in sich und wirkt von außen wie erstarrt. Im Shutdown kann es auch zum Mutismus kommen – vorübergehende Unfähigkeit, zu sprechen.
  • All diese Aspekte und noch mehr, müssen vom Autisten gelernt, verstanden werden; er/sie muss Wege finden, sich zu regulieren. Zu verstehen, dass Autisten andere Bedürfnisse haben als Nicht-Autisten, ist ein großer Schritt für beide Seiten.

 

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