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Asperger-Syndrom. Differentialdiagnose: 1. schizoide Persönlichkeit

Eine der hauptsächlich betrachteten Differentialdiagnosen („konkurrierende“ bzw. ähnlich geartete andere Diagnose) ist die „schizoide Persönlichkeit“. Ich lasse hier bewusst soweit es geht den Begriff „Störung“ weg, um meinen Text so wertfrei wie möglich zu gestalten.

 

Die schizoide Persönlichkeit hat im ICD-10 die Abkürzung F60.1 und gehört zum „Cluster A“. Auffällige Persönlichkeiten werden u.a. in Cluster aufgeteilt, davon gibt es drei. Zu Cluster A gehören die, die eher exzentrisch bzw. sonderbar erscheinen, zu Cluster B solche wie die narzisstische Persönlichkeit, also eher dramatisch und emotional und zum Schluss Cluster C, die ängstlich vermeidenden Persönlichkeiten wie die abhängige Persönlichkeit.

 

 

Welche Diagnosekriterien weist die schizoide Persönlichkeit auf? Und was trifft auch auf das Asperger-Syndrom zu?

 

Schizoide Persönlichkeit:

 

1. Nur wenige Tätigkeiten bereiten Freude.

  • Asperger: Aspies haben Spezialinteressen, mit denen sie sich intensiv auseinander setzen. Ich kann von mir nicht behaupten, dass wenige Tätigkeiten Freude in mir auslösen.

2. Zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachte Affektivität (emotionaler Ausdruck).

  • Asperger: Das ist m.E. eine der Parallelen aber ich würde hier ergänzen: Wirkt auf andere kühl, distanziert und eventuell abgeflacht affektiv. Oder wie es in meinem Diagnosebrief steht: „Affektiv wenig auslenkbar“. Auch das ist eine Frage der Perspektive. Da Nicht-Autisten vorrangig sozial agieren, können für sie sachliche Unterredungen sehr kühl wirken.

3. Reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere oder Ärger auszudrücken.

  • Asperger: Da mir nicht klar ist, was eine „reduzierte Fähigkeit“ ist und wie die Norm der Fähigkeit, warme und zärtliche Gefühle auszudrücken, ist, kann ich dazu nicht schreiben, ob das auch auf mich zutrifft. Aber dass es so wirkt, kann ich mir gut vorstellen.

4. Erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik von anderen.

  • Asperger: Das trifft auf mich eher nicht zu. Es kommt stets auch darauf an, was gelobt und was kritisiert wird.

5. Wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen (unter Berücksichtigung des Alters).

  • Asperger: Teils kann ich das bejahen, teils überhaupt nicht. Ich habe Aspies kennen gelernt, die asexuell sind oder auch welche, die ihre Sexualität normal bis überdurchschnittlich leben.

6. Bevorzugung von Interessen, die alleine durchzuführen sind.

  • Asperger: Ich stimme zu.

7. Übermäßige Inanspruchnahme durch Fantasien und Introspektion (Selbstbeobachtung/ nach innen gerichtete Beobachtung)

  • Asperger: Ich weiß nicht, was hier mit „übermäßig“ gemeint ist. Für mich ist Introspektion sehr wichtig und auch Fantasie bzw. die Vorstellung von Möglichkeiten. Genauso finde ich es aber spannend, im Außen zu betrachten, zu analysieren und zu kategorisieren. Beides mit Sicherheit deutlich intensiver als die Norm.

8. Wünscht keine engen Freundschaften oder Beziehungen. Höchstens eine.

  • Asperger: Das ist durchaus etwas, worauf bei Asperger auch eingegangen wird. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Aspies durchaus Interesse an Beziehungen/ Freundschaften haben aber diese anders ablaufen müssen als bei Nicht-Autisten.

9. Mangelndes Gespür für geltende soziale Regeln, Normen, Konventionen.

  • Asperger: Kann ich bestätigen.

 

Zusammenfassung Unterschiede

 

Wo liegen die Unterschiede?

Was ist „typisch“ bei Asperger-Autisten und bei Schizoiden nicht?

 

  • Typisch für Asperger-Autisten sind zum Beispiel ihre Spezialinteressen, denen sie intensiv nachgehen. Diese Tätigkeit hat oft wiederholenden Charakter. Insbesondere beim Beschäftigen mit Spezialinteressen, empfinden Asperger-Autisten teils große Freude, Aufregung und freudige Anspannung.
  • Stereotypes Verhalten: Darunter können Bewegungen fallen, zum Beispiel Jaktationen.
  • Overload/Meltdown/Shutdown – Reizüberflutung.
  • Vieles, was mit Sprache und Verhalten zu tun hat, haben Asperger-Autisten gelernt durch Beobachten, Filme, Bücher. Dadurch haben sie sich eine NT-Maske geschaffen.
  • Manche Asperger-Autisten haben eine Stimme/Betonung, die deutlich anders klingt als bei Nicht-Autisten. Dazu gibt es Echolalie, teilweise Unverständnis bei Ironie, Sarkasmus.

 

Grundsätzliche Unterscheidung

 

Das Asperger-Syndrom fällt unter die „Entwicklungsstörungen“, das heißt: Schon früh sind Auffälligkeiten beobachtbar.

Eine "Persönlichkeitsstörung" hat zwar ihre Ursachen ebenfalls in der Kindheit, den Genen und der sonstigen Umgebung (Erziehung usw.), ist eine Persönlichkeitsentwicklungsstörung und sollte erst im frühen Erwachsenenalter diagnostiziert werden, weil sie sich erst dann oder später manifestiert.

 

Natürlich ist eine genauere Abklärung immer nur in einem Diagnoseverfahren zu klären.

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