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Asperger Syndrom - Diagnosekriterien

Aus aktuellem Anlass werde ich hier mal Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms auflisten – und zum Schluss dann noch ein paar andere Merkmale, die nicht offiziell sind oder nicht unbedingt gegeben sein müssen.

 

Das Asperger-Syndrom gehört zum Autismusspektrum. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird im ICD-11 (ICD: Das ist die Abkürzung für die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten) nur noch von „Autismusspektrumstörung“ die Rede sein und dann alles beinhalten, was unter „Autismus“ fällt: Kanner-Autismus bzw. frühkindlicher Autismus, atypischer Autismus, Asperger-Syndrom. Ich persönlich werde weiterhin sprachlich bei der Aufteilung bleiben, da es durchaus konkrete Unterschiede zwischen den einzelnen Andersartigkeiten gibt.

 

Wie alles, was mit Autismus zu tun hat, fällt auch das Asperger-Syndrom unter die „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“. Das bedeutet, dass bereits im frühen Kindesalter deutliche Andersartigkeiten vorhanden sind und wesentliche Bereiche beeinflussen, wie zum Beispiel Sprache, Motorik, Interaktion.

 

Asperger-Syndrom wird mit F84,5 abgekürzt und zeigt sich nach ICD-10 so:

  • Qualitative Abweichungen der wechselseitigen sozialen Interaktion
  • Eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten
  • Keine allgemeine Entwicklungsverzögerung
  • Kein Entwicklungsrückstand der Sprache und kognitiven Entwicklung

Das ist ja nicht ganz so detailliert. Schauen wir uns die Auflistung von Gillberg mal an, das ist schon etwas umfangreicher:

 

 

Soziale Beeinträchtigung

(mindestens zwei der folgenden Merkmale):

 

Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen zu interagieren

mangelnder Wunsch, mit Gleichaltrigen zu interagieren

mangelndes Verständnis für soziale Signale

sozial und emotional unangemessenes Verhalten

 

Eingegrenzte Interessen

(mindestens eines der folgenden Merkmale):

 

Ausschluss anderer Aktivitäten

repetitives Befolgen der Aktivität

mehr Routine als Bedeutung

 

Repetitive Routine

(mindestens eines der folgenden Merkmale):

 

für sich selbst, in Bezug auf bestimmte Lebensaspekte

für andere

 

Rede- und Sprachbesonderheiten

(mindestens drei der folgenden Merkmale):

 

verzögerte Entwicklung

(oberflächlich gesehen) perfekter sprachlicher Ausdruck

formelle, pedantische Sprache

seltsame Prosodie, eigenartige Stimmmerkmale

beeinträchtigtes Verständnis einschließlich Fehlinterpretationen von wörtlichen/implizierten Bedeutungen

 

Nonverbale Kommunikationsprobleme

(mindestens zwei der folgenden Merkmale):

 

begrenzter Blickkontakt

begrenzte Gestik

unbeholfene oder linkische Körpersprache

begrenzte Mimik

unangemessener Ausdruck

starrer Blick

 

Motorische Unbeholfenheit

mangelnde Leistung bei Untersuchung der neurologischen Entwicklung

 

 

Ich übersetze das mal in eine respektvollere Sprache.

Los geht’s:

 

Soziale Besonderheiten:

Kein Interesse, mit Gleichaltrigen zu interagieren. Oder aber gar nicht wissen, wie man mit Gleichaltrigen interagiert.

Soziale Signale müssen erst erlernt und verstanden werden.

Sozial und emotional vollkommen angemessenes Verhalten für einen Autisten in einer Welt voller Nicht-Autisten.

 

Spezielle Interessen:

Konzentration auf konkrete Interessen.

Wiederholtes Nachgehen und Ausbauen der Aktivität.

 

Wichtigkeit von Routinen.

 

Rede- und Sprachbesonderheiten:

Andere Entwicklung der Sprache als bei Menschen, die der Norm zuzuordnen sind.

Teilweise ein hoher sprachlicher IQ.

Interesse an Sprache und Grammatik.

Teilweise eine andere Melodie der Sprache als üblich.

Andere Stimmmerkmale.

Ironie, Sarkasmus, Metaphern sind schwer zu verstehen. Werden aber durchaus selbst benutzt.

 

Nonverbale Kommunikation:

Andersartiger Blickkontakt: Ausweichend, starrend.

Teils andere oder erlernte Gestik.

Teils andere oder erlernte Mimik.

Andere Körpersprache.

Für Nicht-Autisten teils schwer zu lesender Ausdruck.

 

 

Das, was ich von mir selbst kenne, gelesen habe oder mir habe schildern lassen, sind noch folgende Symptome/Kriterien/Besonderheiten, die nicht bei allen auftreten müssen:

  • Bis zu einem gewissen Alter: Sehr eingeschränkte Wahrnehmung der Umgebung bzw. der anderen Menschen.
  • Normaler bis überdurchschnittlicher IQ.
  • Besondere Wahrnehmung der Umgebung hinsichtlich Intensität. Reize werden deutlich intensiver wahrgenommen. Material (z.B. auf der Haut) kann sehr unangenehm oder sehr angenehm sein.
  • Große Schwierigkeiten, zu erkennen, ob der andere sich im Gespräch langweilt.
  • Große Schwierigkeiten, mehreren Gesprächen gleichzeitig zu folgen. Begabung, sich einzelnen Gesprächspartnern gänzlich zuzuwenden.
  • Konzentration auf Details. Interesse an Kleinigkeiten (Wassertropfen, Risse, Lichtreflektionen).
  • Schmerzen bei Blickkontakt. Unmöglichkeit der Konzentration, wenn ein anderer in die Augen starrt.
  • Smalltalk als Zeitvertreib wird abgelehnt und/oder nicht verstanden und/oder muss erlernt werden.  Interesse an fachlichen Themen, deshalb ein sehr guter Arbeiter.
  • Wenig Interesse an gesellschaftlichen, sozialen Interessen wie Mode, was „in“ ist, was andere machen.
  • Klartext. Deshalb ein sehr guter Reflexionspartner. Ehrlichkeit. Kein Hierarchiedenken.
  • Wenige Freunde/Bekannte und/oder viel Zeit für sich alleine.
  • Wedeln mit den Händen bei Freude.
  • Kindliches Verhalten.
  • Auf Zehenspitzen laufen.
  • Prosopagnosie (Gesichtsblindheit).
  • Alexithymie (Schwierigkeiten, Gefühle zu spüren, mitzuteilen oder zu zeigen).
  • Hochsensibilität.
  • Künstlerische, analytische, naturwissenschaftliche Begabungen.
  • Zählen von Schritten, Treppenstufen, Mustern.
  • Aus praktischen Gründen oder aus Bequemlichkeit: Erwerb von immer gleicher Kleidung. Tragen immer gleicher Kleidung. Kleidung oft dunkel gehalten.
  • Essverhalten: Lange Zeit das gleiche Essen; konkrete Regeln (alles getrennt, bestimmte Konsistenz oder Farbe).
  • Herausragende Kenntnisse im Bereich des Spezialinteresses.

 

 

Zwei Vorurteile möchte ich auch noch ansprechen:

 

Empathielosigkeit. Asperger-Autisten wird oft unterstellt, dass sie empathielos seien. Aspies können sehr empathisch sein. Es ist auch ein Vorurteil, dass Aspies keine Gefühle beim anderen lesen können, weil man die ja in den Augen liest – Gefühle und Stimmungen anderer Menschen sind nicht nur in den Augen zu sehen, sondern auch an anderen Merkmalen erkennbar: Stimme, Gang, Bewegung, Gestik, Atmung, aktueller Kleidungsstil. Aber vllt. kommt dieses Vorurteil daher, dass Nicht-Autisten Gefühle nur an den Augen festmachen.

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