Herausforderndes Verhalten bei nichtautistischen Menschen

Vorhin las ich einen Beitrag eines Vereins, der sich mit herausforderndem Verhalten autistischer Menschen beschäftigt.

Es werden zu diesem Vortrag oder Seminar Fachkräfte, Betroffene und Interessierte eingeladen.

Mich interessiert das nicht.

Mich interessieren die Menschen, deren Verhalten für mich "herausfordernd" ist, und das sind meistens die Nicht-Autisten.

Ich weiß nicht, ob Nicht-Autisten das wissen, deshalb schreibe ich es mal: Ihr wirkt auf mich meistens sonderbar. In meiner Welt seid ihr alles andere als "normal". Anhand unterschiedlicher Beispiele will ich das verdeutlichen. Das ist für mich "herausforderndes", teils sehr strapazierendes Verhalten nichtautistischer Menschen:

  • Die meisten haben sehr große Schwierigkeiten damit, zu schweigen. Das endet dann in wahllosem Gerede, Floskeln, Small-Talk usw. Manchmal geben sie auch nur Geräusche von sich, damit es nicht still ist. Es ist faszinierend.
  • Ständig müssen sie eine persönliche Beziehung zu etwas oder jemandem aufbauen. Es ist ihnen extrem wichtig, zu wissen, "woran sie sind". Sie können das wahrscheinlich intuitiv nicht wahrnehmen und halten diese Ungewissheit nicht aus.
  • Ständig müssen sie Blickkontakt haben. Anscheinend sind sie nicht in der Lage, anhand anderer Signale des Gegenübers (z.B. der Stimme, des Gangs, der Bewegungen etc.) herauszuarbeiten, wie es der Person geht. Tatsächlich habe ich mal von einer "fachkundigen" Seminarleiterin gehört, dass man ja wohl nur an den Augen was ablesen könne. Das ist aber seltsam ... ob mein Ex-Chef einen cholerischen Anfall bekam oder nicht, habe ich schon frühmorgens an seinen "wehenden" Haaren gesehen. Andere, die ihn sehr lange kannten, sind dann meistens blindlings in Katastrophen gelaufen.
  • Alles "persönlich" nehmen. Sie sagen immer, dass sie wollen, dass jemand ehrlich ist, aber bitte nicht, wenn es um sie geht. Gib mal einem Nicht-Autisten eines seiner Geschenke zurück, weil Du es hässlich findest: Absolutes No-Go! Da hast Du echt verschissen.
  • Cliquenbildung. Ganz wichtig! Unsereins ist in der Lage, alleine zu arbeiten, sich alleine in einer Wohnung aufzuhalten, alleine spazieren zu gehen, alleine zu denken etc. Nicht-Autisten fällt das unglaublich schwer. Deshalb hängen sie sich ständig an jemanden.
  • Hauptsache gemocht. Es gibt Menschen, mit denen kann ich nicht, weil sie z.B. meiner Persönlichkeitsstruktur sehr entgegen laufen. Das ist okay. Für Nicht-Autisten ist sowas nicht okay. Sobald sie merken, dass sie von jemandem noch nicht gemocht werden, strengen sie sich ganz besonders an. Ein Graus ... denn ihre Anstrengung macht alles nur noch anstrengender.
  • Die Verrückten, das sind die anderen. Dazu wollte ich auch nochmal einen Blogtext schreiben: Egal ob von ehemaligen Kollegen, in psychologischen Seminargruppen, in Kursen etc., meistens habe ich das erlebt: Die, die da teilnehmen und mit Dir reden, das sind alles die Gesunden - nur irgendwo da draußen oder die Klienten oder Patienten, das sind die Kranken.
  • Es geht nie nur um die Sache. Ob Sauna, Sport, Projekt, Arbeit, Spaziergang, Reparatur, Denken - es geht nie nur um das, was gerade getan wird. Es muss auch immer was Soziales dabei sein, sonst fühlen sie sich nicht wohl.
  • Mit "Empathie" meinen sie das: Sie gehen davon aus, dass eine Person x in einer Situation y genau das empfindet, was sie selbst in der Situation empfinden würden. Faszinierend, nicht wahr? Sie behaupten, das sei Menschenkenntnis oder Einfühlungsvermögen, dabei ist das nur permanente selbstbezogene Interpretation ... und die hinterfragen sie nicht mal.
  • (...)

Wie kann man jetzt mit diesem herausfordernden Verhalten nichtautistischer Menschen umgehen?

  • Dass sie sich ändern, ist eine Illusion. Warum auch? Sie sind ja die Mehrheit und sie leiden nicht unter dem, was für mich so sonderbar ist.
  • Um mit etwas umzugehen, ist es von Vorteil, es zu verstehen: Menschen insgesamt sind erklärbar. Also: Nicht-Autisten sind erklärbar und können verstanden werden.
  • Es gibt einige unsichtbare Regeln, die man kennen sollte, wenn man nicht vollkommen anecken will (dieses Anecken wird meistens "Unfreundlichkeit" oder "Arroganz" genannt): Z.B. die Sache mit der Rückgabe eines Geschenks. Oder dass sie, wenn man als neuer Kollege bei ihnen anfängt, wissen wollen, wer man ist. Es geht nicht um Deine berufliche Qualifikation, es geht darum, wer Du bist und ob Du vllt. in der Hierarchie eine Gefahr darstellst. Ah ... wichtig: Nicht-Autisten leben ständig in Hierarchien.
  • Reden lassen. Wenn Nicht-Autisten ein Gespräch anfangen, dann wollen sie in der Regel kein Gespräch, sondern einen Monolog halten. Wenn man das weiß, dann kann man ihnen da eine Redefläche geben und braucht sich gedanklich nicht so sehr anstrengen, was man selbst jetzt sagen könnte, ohne wieder in eines der bekannten Fettnäpfchen zu treten. Am Hilfreichsten: Hin und wieder eine Frage stellen.
  • Keinen Blickkontakt herstellen oder sie direkt ansprechen. Blickkontakt herstellen bedeutet für sie, dass sie Kontakt aufnehmen können. Wenn man das nicht will, dann kann man diesem herausfordernden Verhalten derart begegnen, dass man ihre Blicke meidet und weggeht. Wenn ich nach der Uhrzeit frage oder generell einen Sachverhalt abfragen will, kann es passieren, dass Nicht-Autisten das als Anlass nehmen, sozialen Kontakt herzustellen. 
  • (...)

Es gibt noch mehr Möglichkeiten aber ich belasse es erst einmal dabei.

 

 

 

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