Selbstverantwortung

Einer der ersten wichtigen Aspekte in der Transaktionsanalyse war für mich die Selbstverantwortung.

Was bedeutet das?

Das bedeutet (es sei denn, Sie sind ein Kind oder leben in Sklaverei): Wir sind für das Leben, welches wir führen, selbst verantwortlich. Wir haben Entscheidungen getroffen und leben jetzt das, wozu wir uns entschieden haben. Die meisten Menschen, denen ich das sage, nicken das ab. "Ja, klar!", "Sehe ich genauso!" usw.

Jetzt wird's aber eventuell unangenehm. Schauen wir uns mal die Praxis an.

Beispiele:

  • Beruf. "Ja ... ich würde gerne beruflich etwas anderes machen, aber das steht ja nicht in meiner Macht"/"Wenn Kollege x nur nicht wäre, dann hätte ich ein tolles berufliches Umfeld"/"Wenn ich mehr gelobt würde ..."/"Wenn ich so viel Geld bekäme wie mein männlicher Kollege" usw.
  • Partnerschaft. "Ich würde ja gerne in meinem Leben etwas ändern, aber wenn mein Partner nicht mitzieht, was soll ich machen?"/"Ich würde ja gerne Therapie machen, aber ... das bringt ja auch nichts, wenn mein Partner nicht will"/"Warum kann die nicht einfach ..."/"Mit ihr kann man nicht reden"/"Wenn mein Partner nur so und so wäre, dann wäre alles gut" usw.

Ich belasse es bei diesen zwei Beispielbereichen.

Vielleicht ist Ihnen da schon ein Muster aufgefallen.

Schuld ist der andere. Schuld ist das Äußere. Ständig werde ich daran gehindert, das zu tun, was ich will.

Interessant.

Und nicht korrekt.

Nehmen wir das mal auseinander:

 

  • "Ja ... ich würde gerne beruflich etwas anderes machen, aber das steht ja nicht in meiner Macht". Ich habe einige Menschen kennen gelernt, die sehr, sehr unzufrieden sind mit ihrer beruflichen Situation aber nichts daran ändern. Ich kann das verstehen. Hier greifen unbewusste Mechanismen, die wie Verbote vonseiten der Eltern eingepflanzt wurden. Als Kind lernen wir, was wir dürfen und was wir nicht dürfen. Viele von uns dürfen beruflich nicht erfolgreich sein oder zumindest nicht erfolgreicher als der leibliche Vater. Wenn also der Gedanke an eine berufliche Veränderung und womögich Verbesserung gedacht wird, dann können solche unbewussten Mechanismen greifen und starke Angst auslösen. Dann lieber im Gewohnten bleiben, die leiblichen Eltern nicht verärgern. Und wir wissen welcher Gefahr wir als Kind ausgesetzt waren, wenn wir nicht so agierten, wie die Eltern es wollten: Es bestand die Gefahr, dass die Zuwendungsquelle abgeschnitten wird, und das ist für ein Kind tödlich. Dann lieber in dem Bereich bleiben, der vonseiten der Eltern erlaubt ist. Ich kann diesen unbewussten Ablauf im Inneren verstehen und nachvollziehen, aber änderbar ist Ihre jetztige Situation, denn das, was Sie heute leben, ist die Realität des Kindes in Ihnen, nicht die Realität für Sie als Erwachsene/r. 
  • Die Schuld, dass etwas nicht funktioniert, wird nach außen getragen, aber oft ist das eine Ausrede, eine Irreführung weg von den eigentlichen Gründen des Nichthandelns: Angst. Oder: Verlust der Zuneigung seitens der Eltern. Oder, wenn die Zuneigungsquelle für das Kind abgeschnitten wird: Tod.
  • Oft werden andere für die eigene emotionale Verfassung verantwortlich gemacht: "Der Kollege ist respektlos, frech, unverschämt, deshalb fühle ich mich schlecht"; "Mein Partner ist depressiv, deshalb bin ich auch depressiv"; "Person x nutzt mich immer aus". Wenn der Kollege sich respektlos verhält (verbal, nicht mit körperlicher Gewalt), dann mag das für eine Person unangenehm sein, für eine andere Person nicht unangenehm und eine dritte Person merkt vielleicht gar nichts von der Respektlosigkeit. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass das, was durch das Verhalten eines anderen in uns ausgelöst wird, mit uns selbst zu tun hat. Das wiederum bedeutet: Du entscheidest, ob es Dir schlecht geht; Du entscheidest, wie Du damit umgehst.
  • Wenn ich von jemandem "ausgenutzt" werden, dann lasse ich mich ausnutzen. Die weitaus interessantere Frage ist an dieser Stelle: Ist Dir das als Muster in Deinem Leben bekannt? Heißt: Gab es schon andere Situationen in Deinem Leben, in denen Du Dich ausgenutzt fühltest? Muster deuten meistens an, dass in uns etwas grundlegend verankert ist. Wenn wir glauben, dass wir immer ausgenutzt werden, dann ist das ein Hinweis darauf, dass wir schon als Kind immer wieder das Gefühl hatten, ausgenutzt zu werden.

 

Zu realisieren, dass man für sein Leben selbst verantwortlich ist, dass man Entscheidungen treffen kann, dass man Veränderungen beschließen kann, ist für mein Leben etwas sehr Positives. Entscheidungen treffen, erwachsenes Handeln - das ist nicht leicht, weil so viele unbewusste Mechanismen in uns ablaufen. Muster finde ich sehr, sehr wichtig, denn sie zeigen auf, dass es eine Zeit gab, in der wir nicht die Möglichkeit hatten, zu entscheiden; eine Zeit, in der wir uns nicht wehren konnten gegen Übergriffe Erwachsener; eine Zeit, in der wir uns fügen mussten und uns verbiegen mussten, um leben zu dürfen.

Interessant wird es dann, wenn wir anfangen, Verhaltensmuster zu entdecken und zu schauen, was passiert, wenn wir uns mal anders verhalten als sonst.

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